Schadenserfassung beim Leitungswasserschaden

In Deutschland ereignen sich nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) jährlich rund 1.200.000 versicherte Leitungswasserschäden. Hinzu kommt eine unbekannte Anzahl nicht angezeigter oder abgelehnter Schadenfälle. In der Vielzahl der Fälle ist die Schadenursache eindeutig und die Schadenabwicklung zwischen den Beteiligten unkompliziert. Ein geringerer Anteil der Schäden erweist sich von der Ursachenermittlung, über Sanierung und Wiederherstellung bis zur Abrechnung mit dem Versicherer als kompliziert.

Sobald im Wohnzimmer einmal das Wasser aus der Decke tropft wird von den meisten Menschen als erstes der Installateur gerufen. Von allen beteiligten Personen an einem Leitungswasserschaden wird diesem die größte Kompetenz bei der Erkennung und Behebung der Schadenursache zugesprochen. Für eine Fachkraft ist die überwiegende Zahl der Wasseraustritte leicht einzugrenzen. Es gibt aber eine zunehmende Anzahl an Schäden bei denen spezialisierte Leckortungstechniker tätig werden. Zum einen, weil dies eine grundsätzliche Vorgabe des Versicherers sein kann, oder weil die Suche durch den Installateur ergebnislos blieb. Das Vorgehen des Leckorter erfolgt systematisch im Ausschlussverfahren.

1. Anamnese

Wie beim Arztbesuch wird zunächst im Gespräch nach Nutzungsgewohnheiten, Änderungen an der Bausubstanz oder im Nutzungsverhalten und nach Auffälligkeiten gefragt. Vermeintlich unwichtige Randinformationen waren schon oft der entscheidende Hinweis der zur Ursache geführt hat.

2. Sichtprüfung

Im zweiten Schritt sollten das Gebäude nach augenscheinlichen Auffälligkeiten wie defekten Fugen oder Versiegelungen abgesucht werden. Über abgerissene Silikonfugen oder Tropfwasser das vom defekten Eckventil in einer Randfuge verschwindet macht sich der Laie keine Gedanken. Der Fachmann erkennt das Schadenpotential sofort.

3. Feuchtemessung

Im weiteren Schritt sollten Feuchtemessungen am Wandsockel bzw. in der Randfuge durchgeführt werden. Bei kleineren Leckagen kann durch Feuchtemessungen die Schadenstelle schon recht weit eingegrenzt werden. Befindet sich eine feuchte Leitung innerhalb des Gebäudes unter dem Estrich, verteilt sich das Wasser auf der Betonplatte. Die Wände bekommen nasse Füße. Defekte Duscharmaturen kann man durch erhöhte Feuchtemesswerte in der Trennwand zum Nebenraum eingrenzen, selbst wenn sich dort noch kein Nässeschaden abzeichnet.

4. Druckproben an wasserführenden Leitungen

Um das defekte System und den richtigen Strang zu ermitteln, bedient man sich gerne der Druckprobe. Häufig wird bei der Durchführung nicht bedacht, dass viele Systeme den Druck nicht halten können solange undichte Ventile oder Armaturen nicht demontiert und verschlossen werden. Defekte Druckausgleichsgefäße oder ein sich abkühlendes Medium täuschen durch einen Druckabfall eine Leckage vor, wo keine ist. Zunächst sollte etwas abgewartet werden, ob sich der Druck nach einem anfänglichen Abfall stabilisiert. Für die präzise Druckanzeige empfehlen sich hochwertige Glyzerinmanometer, die deutlich weniger Irritation erzeugen als ständig laufende Digitalmanometer.

5. Leitungsortung

Um die Position der Leckage schnell bestimmen zu können muss die Lage der beschädigten Leitung bekannt sein. Bei verdeckten Leitungen aus Metall bietet sich die elektromagnetische Leitungsortung an. Hierbei wird ein Sender an zwei Stellen an die blanke Leitung angeklemmt. Die Sendeeinheit zeigt dabei an, ob eine leitende Verbindung zwischen beiden Klemmen besteht. Mittels eines Empfängers kann das Signal nun oberhalb des Bauteils eingemessen und mit Klebeband markiert werden. Zu beachten ist bei diesem Verfahren, dass Strom immer den Weg des geringsten Widerstands wählt und Abzweigungen nicht automatisch angezeigt werden. Nichtleitende Rohrmaterialen stellen für jeden Leckorter eine Herausforderung dar. Für Versorgungsleitungen aus Kunststoff und Abflussleitungen werden spezielle Glasfasersonden oder Molchsender angeboten. Unter bestimmten Voraussetzungen kann auch ein Wallscanner nützliche Hilfe sein. Sofern Leitungen keine besonders hochwertige Isolierung aufweisen, käme zur Leitungsortung auch die Thermografie in Frage.

6. Akustische Horchortung

An den meisten Leckstellen entsteht beim Wasseraustritt ein Strömungsgeräusch. Mit einem sehr empfindlichen Bodenmikrophon wird bei der Horchortung der bekannte Leitungsverlauf danach abgehorcht. Im Bereich über der Leckstelle ist erfahrungsgemäß das Signal am besten hörbar. Die Lautstärke und Tonfrequenz können dabei sehr unterschiedlich sein. Unter Wasserdruck entstehen Geräusche niederer Frequenz, bei der Verwendung von Druckluft gibt es eine höhere Tonfrequenz. Durch Druckveränderung oder Wechsel des Mediums kann die Hörbarkeit beeinflusst werden. Allerdings können komplett gelöste Verbindungen oder kleinste Löcher und Risse das Wasser auch schon mal geräuschlos verlieren. Die Horchortung ist dennoch das Verfahren mit der höchsten Erfolgsquote. Es setzt aber regelmäßige Übung und Stille im Objekt voraus.

7. Tracergas-Verfahren

Beim Tracergas handelt es sich um ein Gemisch aus Wasserstoff (5 %) und Stickstoff (95 %). Wasserstoff besitzt sehr feine Moleküle, die viele Materialen durchdringen können und dann kegelförmig auf-steigen. Dieses Gas wird in die entleerte, zu prüfende Leitung eingeführt. Im Bereich der Leckage tritt der Wasserstoff aus und gelangt mit Verzögerung an die Bauteiloberfläche. Mit einem Gasspürgerät kann nun der Bereich der höchsten Konzentration eingemessen werden. Bei Fliesenböden sollten zuvor im Leitungsverlauf Bohrungen in den Fugenkreuzen vorgenommen werden. Dies verkürzt den Weg des Gases an die Raumluft. Andernfalls zeigt sich das Gas aufgrund von dampfdichten Folien und Bodenbelägen zuerst seitlich an der nächstgelegenen Randfuge. Da sich der Wasserstoff recht lange in der Raumluft hält, können diese Messungen am selben Tag meist nicht mehr wiederholt werden. Daher sollte immer als erstes der Übergang von der Flasche zum Druckminderer und zum Leitungssystem auf Dichtheit geprüft werden. Die Übergangstücke für das Befüllen von Wasserleitungen mit Spürgas müssen immer individuell angefertigt werden. Hat man überhaupt keinen Hinweis auf die Lage der Leckstelle im Gebäude kann der Tracergaseinsatz oft zumindest den richtigen Raum anzeigen.

8. Thermografische Verfahren

Sehr populär sind gegenwärtig Wärmebildkameras. Im Bereich der Leckageortung sind sie ein unverzichtbares Hilfsmittel. Jedoch werden mit diesen Geräten insbesondere im gut isolierten Neubau, weit weniger Schäden gefunden als gemeinhin angenommen wird. Die Kameras zeigen eben nur die Wärmeabstrahlung oder Reflexion an der Bauteiloberfläche an. Hierfür kann es eine Vielzahl von Ursachen geben, die eben nicht auf einer Leckage beruhen. Sei es die unterbrochene Isolierung an einem T-Stück, die Wärmereflexion eines Deckenstrahlers oder der schlafende Hund, der den Estrich angewärmt hat. Die Bedienung der Kameras ist heute Kinderleicht. Dagegen setzt die Bewertung der Thermogramme physikalischen Sachverstand voraus. Vor der Bauteilöffnung empfiehlt es sich – wie bei allen anderen Verfahren auch – die Feststellung mit einem zweiten Ortungsverfahren abzusichern.

9. Videoendoskopie

Ein unbedingtes Muss ist die Videoendoskopie. Mit ihr lassen sich Abflüsse, Vorwandinstallationen und Schächte mit geringfügigstem Eingriff untersuchen. Bauteilöffnungen mit Hammer und Meissel können vermieden werden. Das Endoskop benötigt meist nicht mehr als eine 6 mm Bohrung. Wichtig ist eine ausreichende Lichtleistung, damit im Schacht überhaupt etwas zu sehen ist. Darüber hinaus sollten die Kameraköpfe bewegbar sein, um die Blickrichtung im Bauteil ändern zu können. Zur Dokumentation verfügen die Geräte über Speicherkarten und Videoschnittstellen. Ein brauchbares Endoskop ist vergleichsweise teuer. Da diese Geräte selten für den rauen Baualltag gebaut wurden, empfiehlt sich ein sehr behutsamer Umgang, will man teure Reparaturen vermeiden.

10. Färbemittel und Absperrblasen

Müssen z. B. Abflüsse oder Abdichtungen geprüft werden, können Färbemittel und Absperrblasen eingesetzt werden. Zum Prüfen eines Bodeneinlaufs kann dieser mittels einer Absperrblase verschlossen werden. Dem aufgestauten Wasser wird das Färbemittel zugegeben. Ist der Abfluss undicht, kann dies anhand des sichtbar werden Mittels nun zugeordnet werden. Zu bevorzugen sind UV-Luminate die nur unter einer starken UV-Lampe sichtbar werden. Andere stark färbende Mittel können schnell umfangreiche Renovierungen als Folge haben.

Ist die Schadenstelle erfolgreich eingegrenzt, kann die Bauteilöffnung erfolgen. Kosten der Wiederherstellung sollten dabei immer mit bedacht werden. Teure Fliesen zu beschädigen, verbietet sich, wenn eine neue Leitung vom Nebenraum aus oder in einer Abseite viel leichter angeschlossen werden könnte. In diesem Falle ist der Versicherer, um sein Einverständnis zu bitten. Die geöffnete Schadenstelle dient nämlich zum Nachweis des Versicherungsfalles. Schadenstellen sollten deshalb immer fotografiert und defekte Leitungsteile für mögliche Materialuntersuchungen sichergestellt werden. Insbesondere Haftpflichtversicherer weisen einen Regress ab, wenn Beweise fehlen. Der Gebäudeversicherer bleibt dann auf seinen Kosten sitzen. Ein guter Ortungsbericht gibt in wenigen Sätzen Auskunft über die Ursache und Lage der Leckstelle im Gebäude. Versicherungsrechtlich wird z. B. unterschiedlich verfahren zwischen Schäden an Rohren oder Armaturen, einem Bruchschaden oder einem Muffenversatz. Auch kann es relevant sein, ob die Leitung unterhalb oder oberhalb der Sohlplatte beschädigt ist. Die Reparatur einer abgerissenen Silikonfuge zählt nicht zu den versicherten Kosten. Der Folgeschaden durch bestimmungswidrig ausgetretenes Leitungswasser ist dagegen sehr wohl versichert. Es kommt nur darauf an, ob der Schaden bei rechtzeitiger Instandsetzung vermeidbar gewesen wäre. Zwei bis drei Fotografien dienen der Beweisführung. Wenn Sanierungsbedarf an der Wasserinstallation besteht, sollte dies im Bericht vermerkt werden. Die Abrechnung der Leckortung erfolgt in der Regel in Form einer Pauschale. Für das Vorhalten der Messtechnik, An- und Abfahrten und rund zwei Stunden Suche, werden in der Regel zwischen 300,- bis 350,- € netto berechnet.

Mit dem Auffinden der Schadenstelle ist der Schaden für den Geschädigten allerdings noch lange nicht vorbei. Oftmals sind eine technische Trocknung der Bausubstanz und die Erneuerung beschädigter Bauteiloberflächen nötig.